Hei, ich bin neu hier (war eigentlich nur auf der Suche nach Bildern von der Trollfjord) und finde das Forum richtig interessant, informativ und auch mit dem gewissen Quäntchen Humor ausgestattet. Ich lebe seit gut einem Jahr in Norwegen nicht weit vom Westkap (naja, 70 km entfernt davon, aber was bedeuten in Norwegen schon Entfernungen!).
An jenem 09.09.09 war ich in Alesund (mein PC hat es immer noch nicht gelernt, norwegische Buchstaben zu schreiben!) und hätte passend zum Thema folgenden Erlebnisbericht beizusteuern. Er handelt von einer betrieblichen "Blaufahrt":
"Die Nacht zuvor gab es einen ungewöhnlich starken Sturm in Volda, dass ich gar nicht so recht geschlafen hatte. Die Gartenstühle auf der Terrasse hatte es herumgewirbelt, die Chalousie schepperte entsetzlich gegen die Balkontür, Kater Charly rannte unruhig im Wohnzimmer umher. Es war also keine vergnügliche Nacht. Vielleicht waren es gerade mal drei Stunden, die ich wirklich geschlafen hatte. Dementsprechend müde quälte ich mich aus dem Bett, als um 6 Uhr der Wecker klingelte. Diesmal konnte ich mich nicht noch dreimal rumdrehen. Die Zeit war so bemessen, dass ich alles geradeso, wenn auch in Ruhe, schaffen würde, um mich mit den Kollegen 7.15 Uhr auf dem Parkplatz hinter dem Bankgebäude, wo auch unser Büro ist, zu treffen. Es stürmte immer noch heftig.
Mit dem Minibus der Sparebank und dem Auto von Pfarrer Rolf D. fuhren wir halb acht los. Jostein, unser Kyrkjeverje, war Organisator der Tour und Chauffeur des Minibusses in Personalunion. Die Informationen, die er uns hatte zukommen lassen, waren nur auf ein Mindestmaß reduziert. Da war z.B. die Kleidungsempfehlung: regenfeste Jacke, bequeme Schuhe, keine Wanderstiefel, Badesachen für die, die baden gehen wollen. Diese letzte Empfehlung ließ uns schon etwas ratlos dreinschauen. War unser Ziel ein Luxushotel, in dem es ein schönes Schwimmbad gab? Es wurde gerätselt. Bei Jostein erntete die Rätselei nicht mal ein Schmunzeln. Mit keiner Miene verriet er irgendetwas mehr, was uns erwarten sollte. Nun gut, wir mussten also weiter raten oder uns überraschen lassen. Ich für meinen Teil entschloss mich dann für letzteres, denn ich war immer noch der, der die wenigste Ahnung von allen hatte. Zu oft hatte ich in dem einen Jahr hier in Norwegen erleben müssen, dass jeder Tag eine Überraschung bereithalten konnte, von der ich nicht einmal ansatzweise ahnen konnte, dass es so etwas überhaupt gibt.
Nun gut. Wir fuhren also los, durchfuhren den tiefsten Unterseetunnel der Welt zwischen Ørsta/Volda und Eiksund, fuhren an Ulsteinvik vorbei nach Hareid. Hier am Hafen wurden die Fahrzeuge abgestellt. „Wir nehmen nun das Hurtigboot nach Ålesund“, verkündete Jostein, und einige Damen aus unserer Mitte betrachteten sich etwas verzweifelt. „Für eine Großstadttour sind wir doch völlig falsch gekleidet!“ Hm, Josteins Gesicht verriet immer noch nichts. Da kam kein „Ach, das ist völlig ausreichend“ oder „Da musst du nun durch“. Nein, nichts.
Nach einer Wartezeit von vielleicht 10, 15 Minuten kam das Schnellboot angebraust. Wenn ich „angebraust“ schreibe, ist das wörtlich zu nehmen. Diese Schnellboote, eigentlich Katamarane mit einem großen, 200 Passagiere fassenden Mittelaufbau, sind wirklich unglaublich schnell unterwegs. Und es stürmte immer noch. Das Meer schlug recht hohe Wellen, für meine Begriffe jedenfalls und auch für die etlicher anderer in der Gruppe. Na, da sollte man möglich nichts gegessen haben. Hatten die meisten sowieso nicht, denn im Plan stand, dass es 9.00 Frühstück geben sollte. Ich hatte mich auch darauf verlassen und vor dem Weggehen nur eine Banane gegessen und ein Glas Orangensaft getrunken. So hatte ich wenigstens einige Vitamine im Bauch. Wie gut es war, einen (fast) leeren Bauch zu haben, zeigte sich nun bei der Überfahrt: die Wellen im Hafenbereich waren klein im Verhältnis zu denen, die da uns auf offener See von allen Seiten entgegen kamen. Zwei Meter maßen einige sicher, und wenn es dann in voller Fahrt in ein Wellental ging, bedeutete das zwei Meter freier Fall. Einige von uns bekamen etwas graue Gesichtszüge, auch wenn die für Notfälle vorgesehenen Beutel nicht herhalten mussten. Eine halbe Stunde dauerte die Höllenfahrt, dann landeten wir im ruhigen Hafen von Ålesund. „Unser Frühstück hat etwas Verspätung“, ließ sich Jostein vernehmen, „Grund ist der Sturm.“ Wir sollten ins nahe gelegene SAS Radisson Hotel gehen und im Vestibül Platz nehmen. Schon wieder so ein Rätsel! Wieso hat der Sturm Schuld daran, dass sich unser Frühstück verspätet? Wir saßen dann schon in der großen Vorhalle des Hotels. Hatten vielleicht andere Gäste hier nicht rechtzeitig abreisen können und blockierten den für uns gemieteten Raum noch? Ja, und wieso ging Jostein immer raus und rein, mal verschwand er auf der Straße, ging offensichtlich um die Hausecke und kam dann wieder? Die Spekulationen gingen weiter und vertrieben etwas die graue Farbe aus so manchem Gesicht. Die stürmische Überfahrt war natürlich auch noch Gesprächsstoff. Einige hatten sich Kaffee oder Tee besorgt, denn irgendetwas sollte der Mensch jetzt in den Magen bekommen, und wenn es darum geht, heißt das für Norweger in erster Linie: Wo gibt es hier Kaffee? Ein paar andere machten es sich in einer Ecke gemütlich und versuchten ein Nickerchen zu machen. Jostein verschwand wieder draußen. „Unser Frühstück kommt!“, rief er uns bei seiner Rückkehr zu. Schnell erhoben sich alle von ihren Plätzen. Die Aussicht auf eine reichhaltige Malzeit – es war immerhin schon 9.20 Uhr – beflügelte alle Beine. Raus, nach rechts, geradeaus auf den Hafen zu! – Ja, was sahen da unsere Augen! Wir wollten es einfach nicht glauben: schwimmendes Frühstück! Am Kai der Hurtigrute machte gerade die MS Trollfjord fest. Die war also das Ziel unserer Blaufahrt. Die Überraschung war eindeutig gelungen, der Jubel groß. Und der Himmel hatte mit einem Mal auch ein Einsehen mit uns und zeigte sich in schönstem Blau, zumindest von der Seeseite her. Über dem Land drohten noch immer die grau-schwarzen und schweren Regenwolken. Ganze acht Stunden Fahrt mit der Hurtigrute von Ålesund zum Geirangerfjord und wieder zurück standen uns nun bevor, und ich dachte da so bei mir, wie vorteilhaft es doch ist, dass ich in Volda wohne. An keinem anderen Ort in Norwegen wäre eine solche Tagestour mit der Hurtigrute möglich, ohne am Ende an einem anderen Hafen zu landen. Im Sommer macht die Hurtigrute diesen Abstecher zum Geirangerfjord und muss zwangsläufig zum Ausgangspunkt dieses Abstechers zurück. Wir hätte auch mit dem Bus oder dem Auto direkt bis Ålesund fahren können, das oder die Fahrzeuge hier abstellen können, auf das Schiff gehen und am Abend wieder die Fahrzeuge besteigen können. Die Idee mit dem Schnellboot von Hareid hatte natürlich das Rätsel etwas komplizierter gemacht, und wir hatten es unterwegs nicht lösen können, auch wenn die Hurtigbootfahrt eigentlich ein kleiner Tipp war. Aber, wer kommt schon auf eine solche Idee!
Nach dem Einschiffen ging es gleich ins Restaurant auf Deck 5. Hier erwartete uns ein reichhaltiges Frühstücksbüffet, welches von uns nun im Sturm geentert wurde. Der Sturm draußen tat sein übriges dazu: das große Schiff schwankte stark und ließ sogar die soetwas sicher gewohnten Angestellten des Schiffes mehr oder weniger taumelnd ihren Dienst versehen. Einige von uns legten recht lustige „Tanzeinlagen“ auf das Parkett. Am sichersten fühlte man sich, wenn man saß. Komischerweise machte mir diese Schaukelei überhaupt nichts aus. Kein einziges Mal äußerte sich mein Bauch dazu, und der hatte ja nun sich gut sättigen lassen. Aber allmählich beruhigte sich das Schiff auch, je weiter wir in den Storfjord hinein fuhren. Schließlich war die Fahrt ganz ruhig, die Wellen nur noch unbedeutend."
Soweit mein Bericht. Dieser Tag veränderte mein Leben: gleich am nächsten Tag buchte ich eine Reise auf der Trollfjord für 2010, hoffe aber auf besseres Wetter dann. Einmal Sturm reicht, zweimal wären schon Völlerei...
Herzliche Grüße an alle HR-Fans hier
Trollfjord